Die Selbstradikalisierung der liberalen Mitte.
Die Angriffe auf Sophie von der Tann zeigen, wie einstige Verfechter liberaler Werte spätestens seit dem 7. Oktober ihren Kontakt zur Realität komplett verloren haben.
Sophie von der Tann, ARD-Korrespondentin in Tel Aviv wurde am 4. Dezember 2025 zusammen mit der Leiterin des ARD-Studios in Istanbul und Teheran, Katharina Willinger mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet. Die Jury lobt, dass mit Sophie von der Tann “eine herausragende Journalistin [anerkannt wird], die in einer Extremsituation zuverlässig erstklassige Arbeit liefert, die – gestützt auf ihre Kenntnis der Sprachen und Kulturen des Landes – den Menschen und ihren Schicksalen nahe ist, ohne dazu zu gehören, cool – aber nicht kalt. Wie es Hanns-Joachim Friedrichs für unseren Stand postulierte. Man spürt ihre Entschlossenheit, die komplexe Wirklichkeit verständlich zu erklären.”
Seit geraumer Zeit ist von der Tann eine der beliebtesten Angriffsflächen des israelischen Botschafters in Berlin, Ron Prosor und des ehemaligen Sprechers des israelischen Militärs und möchtegern Berliner Gangster Arye Shalicar, der sie als “Sprachrohr der Hamas” zu diffamieren versucht. Prosors und Shalicars Tiraden haben sich nun auch vermeintlich liberale Stimmen zur Seite gestellt um von der Tann anzugreifen. Am 3. Dezember, noch vor der Verleihung des Preises veröffentlichte die Jüdische Allgemeine eine Polemik des WDR-Veteranen Lorenz Beckhardt unter dem sarkastischen Titel “Gratulation!” die zum allergrößten Teil aus an den Haaren herbei gezogenen Diffamierungen besteht. Einen Tag später veröffentlichte Belltower News, das Nachrichtenportal der Amadeu Antonio Stiftung einen Beitrag von Anetta Kahane, die Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung mit der Überschrift “Ein Journalismuspreis und die antisemitische Schlagseite”. Kahanes Artikel ist zwar ähnlich diffamierend wie Beckhardts, jedoch etwas unaufgeregter artikuliert, wie es sich für eine Plattform gehört deren Slogan “Journalismus gegen Hass & Hetze” ist.
Lorenz wittert eine antisemitische Verschwörung
Laut Lorenz Beckhardt “polarisiert” von der Tann. Allein schon deshalb weil sie über die Lage im Nahen Osten berichtet. Inwiefern von der Tann polarisiert, also beide Seiten auf die Decke bringt bleibt er seinen Leser*innen schuldig. Wer hat denn sonst noch von der Tanns Arbeit kritisiert und diffamiert außer Prosor, Shalicar und die vom Springer? Wer von der ‘anderen’ Seite, also dem anderen Pol? Auf Auflösung hofft man vergebens. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass Beckhardt nichts polarisierendes an von der Tanns Aussagen zur Schau stellen kann. Mangelnde Distanz zur anderen Seite wird ihr unterstellt, weil sie “die Hamas statt als »militante Kämpfer« als »von der EU als Terrororganisation eingestufte Gruppe«” bezeichnet. Nicht gerade eine Smoking Gun und eher ein indirektes Geständnis dass für Beckhardt Distanz halten immer nur die Distanz zum politischen Gegner meint.
Beckhardts eigentliches Ziel ist jedoch die Jury hinter dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis die in von der Tann eine Galionsfigur der eigenen antisemitischen Weltanschauung gefunden zu haben scheint. Als Beweis präsentiert er die Pressemitteilung des Preises welche banaler nicht sein könnte. Von der Tann wird darin wie folgt beschrieben und besprochen:
Praktisch von Anfang an erleben Zuschauer der ARD eine krisenfeste und unerschrockene Korrespondentin, die sich nicht scheut, Dinge beim Namen zu nennen. Wenn es um die Massaker der Hamas und ihre Terror-Herrschaft in Gaza geht, fällt das nicht schwer. Wenn eine deutsche Korrespondentin auch kritisch über Israels Politik und Kriegsführung berichtet, macht das schon eher Probleme. Auch deutsche Journalist:innen stehen im Kontext der deutschen Geschichte.
Dessen müssen sie sich nach dem Verständnis der Jury immer bewusst sein, es immer respektieren. Es gilt aber auch, Haltung zu bewahren, wenn dieses Gebot zu einem Instrument gemacht wird, das professionelle, fakten-basierte Berichterstattung ausschalten soll.
Der wirkmächtige Botschafter Israels in Deutschland, der auch von deutschen Medien erklärtermaßen „Solidarität mit Israel“ erwartet, forderte öffentlich, dass die Korrespondentin ins Lager der Aktivisten wechseln solle. Zum Teil orchestrierte Reaktionswellen in den sogenannten „sozialen“ Medien sind deutlich brutaler.
Für Beckhardt ist klar, die Jury verbreitet hier klare antisemitische Motive. Denn, “die Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises [meint], [von der Tann] sei eine »unerschrockene Korrespondentin, die sich nicht nur nicht scheut«, der Kritik des israelischen Botschafters zu trotzen, sondern auch den von Juden »orchestrierten Reaktionswellen in den «sozialen» Medien«, die »deutlich brutaler« seien als der Botschafter. Dass Juden hier brutal die Strippen ziehen, füge ich zum besseren Verständnis der Argumentation der Jury hinzu.”
Wie für alle lesbar, steht in der Pressemitteilung selbstverständlich nichts von “von Juden »orchestrierten Reaktionswellen in den «sozialen» Medien«”. Noch steht dort, dass der israelische Botschafter oder Israel selbst diese Reaktionswellen orchestriert. Was Beckhardt hier macht ist Antisemitismus konstruieren wo es keinen gibt um eine Jury und ARD-Korrespondentin für deren scheinbaren Mangel an Objektivität und Professionalität wofür er keine Beweise vorbringt des Antisemitismus zu beschuldigen.
“Belltower News Journalismus [für] Hass & Hetze”
Anetta Kahanes Kommentar in Belltower News vom 4. Dezember 2025 geht in die selbe fantastische Stoßrichtung. Für Kahane ist klar, von der Tann wurde vom Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für eine Berichterstattung belohnt “die parteiisch und somit nicht neutral [ist] und nicht an Quellen und Recherchen interessiert ist.” Von Beweisen, die diese Anschuldigung faktisch untermauern könnten hält Kahane ebenso wenig wie Beckhardt, es müssen Vibes herhalten. Eines der vielen Vergehen von der Tanns war unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 die israelische Regierung und Militär wieder zu geben, denn “[s]elbst als noch nicht klar war, wie viele Menschen den Terror überlebt hatten und wie viele Geiseln entführt worden waren, warnte sie bereits vor der „Vergeltung“ Israels.” Von der Tanns scheinbare “Einseitigkeit ihrer Sorge um die Palästinenser*innen, ihre sorgsam sortierte Empathie machte [Kahane] in diesem Moment klar, wohin die Reise gehen würde.” Dass hier kein komplettes Zitat von von der Tann präsentiert wird in dem der Begriff “Vergeltung” genannt wird sollte wenig überraschen. Auch, dass es keine anderen Beweise gibt obwohl es schon seit dem 8. Oktober klar gewesen sein soll “wohin die Reise” geht.
Der Mangel an Beweisen ist umso verwunderlich wenn Kahane schildert, dass sie sich viele Beiträge von von der Tann angeschaut hat und jeden einzelnen “als belastend, manipulativ und oft auch unverschämt” empfand und alle ihre Beiträge “zeigen wie erfolgreich eine Berichterstattung sein kann, die Hass und Aggressionen gegenüber Israel und Israelis generell zu schüren vermag.” Wenn dem wirklich seit zwei Jahren so ist, wieso war Anetta Kahane bis jetzt so still zum Thema und hat sich erst Anfang Dezember dazu geäußert? Wollte man nicht die Startschussgeberin einer öffentlichen Hetzjagd sein? Gab es im Dezember kein Grass mehr zum anfassen?
Der beste Einblick in Kahanes alternative Realität ist ihre Schilderung wie respektlos von der Tann sich gegenüber der befreiten Geisel Aviva Siegel in der ARD-Sendung Maischberger verhalten haben soll, denn:
“[d]ie ehemalige Geisel Aviva Siegel schilderte in einer Schalte ihr eigenes Martyrium und das einiger junger Frauen, die geschlagen und vergewaltigt wurden. Sophie von der Tanns Gesicht blieb vollkommen reglos, während Frau Siegel weinend um Worte rang. Sie war kaum fertig als die Moderatorin und Frau von Tann übergangslos Netanjahu beschuldigten, sich kein bisschen um die Geiseln zu scheren. In diesem Moment löst sich die Starre und ein zynischer Lacher huschte über das Gesicht von Frau von der Tann. Und von beiden, Frau Maischberger und Frau von der Tann, kein Blick, kein Wort, kein Gedanke an die Frau auf dem Monitor, die noch immer um Fassung rang als die Schalte beendet wurde.”
Das Problem solcher Schilderungen ist, dass jede und jeder diese Sendung selbst anschauen kann und sich ein Bild darüber machen kann wie sich Sophie von der Tann Aviva Siegel gegenüber verhalten hat. Was Kahane als “regungslos” beschreibt würde man sonst einfach nur ‘zuhören’ nennen (timestamp 2:40). Was ist es nun, soll von der Tann “neutral” sein oder soll sie ein Klageweib sein wenn es der politischen und/oder emphatischen Positionierung Anetta Kahanes enspricht?
Noch drastischer wird der Realitätsverlust sichtbar wenn man sich anschaut, was nach der Schalte mit Aviva Siegel wirklich diskutiert wurde. Netanyahu wurde nicht übergangslos beschuldigt. Der Übergang nach dem zehn minütigem Segment mit Aviva Siegel wurde von Maischberger war wie folgt eingeleitet (timestamp 12:40):
Maischberger: Ich würde gerne mit Sophie von der Tann nochmal auf die Bilder schauen die wir gerade jetzt gesehen haben. Angehörige fordern eben mit diesen Schilderungen (die Schilderungen Aviva Siegels) in Israel immer mehr auch zu vielen gerade auch jetzt am 7. Oktober ihre Regierung auf, dass sie sich für die Geiseln mehr einsetzt. Es gab ja von Netanyahu dieses erste erklärte Ziel die Geiseln zu befreien und die Hamas zu zerstören. Wie wichtig ist die Situation der Geiseln für diese Regierung?
Von der Tann: Na der Vorwurf ist, dass es nicht wichtig ist für diese Regierung.
Maischberger: Sehen sie das auch so?
Von der Tann: *zögert* Vieles deutet darauf hin, dass die Regierung das nicht zur Priorität erklärt und dass immer wieder wie jetzt beispielsweise mit dem Blick auf das Abkommen, auf die Verhandlungen Netanjahu immer neue Bedingungen stellt, verzögert. Der Vorwurf ist ganz klar, dass er ein Interesse daran hat diesen Krieg weiter zu führen. Um sich auch nicht Fragen stellen zu müssen die möglicherweise danach dann kommen, für seine Verantwortung für den 7. Oktober.
Es wird schnell klar, dass Maischberger und von der Tann eben doch an die Geiseln denken, denn sie schildern die Forderungen und Anschuldigungen der Geisel-Familien in Israel gegenüber Netanyahu und verweisen in diesem Kontext nochmals auf die Schilderungen Siegels. Darf man in der ARD nicht die Positionen vieler Geisel-Familien wieder geben? Muss man reflexartig hinter und zu Netanjahus Regierung stehen, die sich oft und offen gegen die Familien der Geiseln gestellt hat? Ist das die Position einer Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung? Ist der Beweis für “die antisemitische Schlagseite” von der Tanns, dass sie israelische Geiseln wiedergibt, die sich gegen Netanyahu positionieren? Ist Antisemit wer Netanyahu widerspricht? Ist das wirklich die Politik für die der Name Amadeu Antonios benutzt wird?
Aus dem öffentlichen Diskurs verabschiedet
Lorenz Beckhardt und Anetta Kahane sind keine Randerscheinungen in der liberalen Mitte, sie sind emblematisch für einen Teil liberaler Medienschaffender und des NGO Sektors der sich schon vor dem 7. Oktober langsam selbst radikalisiert hat und um sich eine alternative Realität geschaffen hat die zu durchdringen immer unmöglicher wird. Diese realitätsfernen Stimmen haben sich selbst -gewollt oder nicht- vom öffentlichen Diskurs verabschiedet. Mit ihnen ist kein Dialog möglich, denn alles was nicht passt wird sofort in Hass und Antisemitismus verdreht. In ihrer verschwörerischen Logik vom durchschnittlichen MAGA Fan nicht zu unterscheiden.
Würde man sich ernsthaft mit der Arbeit von Sophie von der Tann auseinandersetzen müsste man eingestehen, dass sie so radikal gar nicht ist. Was von der Tann macht ist, dass sie seit dem 7. Oktober palästinensischen Stimmen etwas mehr gehör schenkt wie zuvor, aber immer noch nicht gleich viel wie israelischen Stimmen (Gab es bei Maischberger mal ein 12-minütiges Segment mit einer palästinensischen Mutter?). Wenn man natürlich wie Kahane, Beckhardt und viele andere daran gewöhnt ist, dass die ÖRR unverhältnismäßig vielen israelischen Stimmen und vor allem der israelischen Regierung unkritisch viel Raum und Zeit geben, dann sehen ein paar zusätzliche palästinensische Stimme wie Bevorteilung aus und bevor man es bemerkt hat, hat man sich selbst in einer Art und Weise radikalisiert, die überall antisemitische Verschwörungen sieht, nur weil mittlerweile vielleicht zwei von zehn Stimmen pro-palästinensisch sind und nur noch acht von zehn pro-israelisch.




Es ist erschreckend, wie sich für diese Menschen alles nur um Israelis dreht. In ihren Köpfen existieren die Palästinenser absolut nicht, außer als irgendwelche Schädlinge, die man beseitigen muss. Und je mehr palästinensische Opfer das Völkermord bringt, desto mehr klammern sie sich an jedem israelischen Opfernarrativ, um bloß nicht die Realität schauen zu müssen.
Die liberale Mitte: das Milieu aus dem ich komme und von dem ich als junger Mann in die USA floh, nur um zurueckzukommen um jetzt meinen (lieben) alten Vater zu pflegen aber dadurch meine Exposure zu selbigem Milieu wieder VIEL groesser geworden ist. Es ist gruselig, diese Doppelmoral, diese Sucht nach infantilen "Gute Nacht Geschichten" in den Medien (die diese ja gerne liefern!), es ist gruselig!